„Sorry dass ich nicht mit Rassisten befreundet bin.“

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Allgemein / Kapitalismus / Psychoanalyse

Letztes Jahr, als ich vor Berichten über Pegida und Anti-Geflüchtete-Demonstrationen saß, habe ich zum ersten Mal über getrennte Lebenswelten nachgedacht. Also darüber, dass es so viele Menschen gibt, von denen ich nichts mitbekomme und keine Ahnung habe, was sie denken und wollen.

Edit: Ich habe Feedback auf den Text bekommen, was mega ist, und ich will daraufhin den Beitrag mit einem Hinweis vorweg ergänzen. Ich spreche in diesem Artikel die ganze Zeit total vereinfachend und verallgemeinernd von „wir“ und „die“.  Das mache ich, damit ich meinen Hauptpunkt möglichst unkompliziert rüberbringen kann.  „Wir“- und „Die“-Gruppen aufmachen ist jedoch problematisch, weil es auschließt und schnell abwertet. Mein Anliegen ist ja aber gerade, dass man sich in einem vermeintlichen „wir“ und „die“ einrichtet, und deshalb ist diese Ausdrucksweise, um den Punkt der Bubble klarzumachen, vielleicht sogar hilfreich denke ich. Möglich. An dem „wir“ und „die“ auch nicht so gut: „die Linken“ oder „die AntifaschistInnen“ gibt selbstverständlich genauso wenig wie „die SexistInnen“ oder „die Trump-WählerInnen“.  Und natürlich gibt es unter Linken auch sehr viel diskriminierendes Verhalten. Mit diesem Hinweis lasse ich „wir “ & „die“erstmal so stehen.)

In diesen Tagen nach der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA hab ich das Wort „Filterbubble“ gelernt, was das gleiche meint. Also durch sein Umfeld und seine selbstgewählten Medien wenig Ahnung davon zu haben, was andere Menschen denken und fühlen, mit denen man im Alltag nichts zu tun hat. Das hat mich erstmal gefreut und entlastet; gut, denken auch andere Leute drüber nach, über dieses Problem. Und ich versuche, wo ich kann noch mehr Stimmung zu machen für Diskurs, als ich das die letzten Jahre versucht habe. Reden mit Leuten, mit anderen Leuten als unseren Freunden- ich glaube das ist unsere einzige Chance. Wenn wir Afd-Wählern auf den Kopf hauen, denken sie dann nicht mehr das, was sie denken? Ich denke, nein.

Aber während es in meinem näheren Umfeld das Ding zu sein scheint, dieses Thema mit der Filterbubble überhaupt erstmal als eins zu behandeln, und der Punkt, mal mit anderen Leuten zu reden, und zu verstehen versuchen, warum Leute Afd-Mitglieder oder Trump wählen, ganz gut aufgenommen wird, habe ich in meinem weiteren Umfeld Meinungen mitbekommen, die genau das ablehnten. Vielleicht auch in erster Reaktion auf diesen Schock.  Ein Freund retweetete eine US-Amerikanerin, die in etwa schrieb: „Warum soll ich diejenige sein, die verstehen soll? Warum geht ihr nicht alle in die weißen Städte im mittleren Westen und sagt DENEN, dass die in einer Blase leben?“

Darüber habe ich relativ lange nachgedacht. Und meine Gedanken dazu sind wie folgt.

„Die sollen das verstehen, nicht ich.“-  da werden für mich zwei Ebenen von „Verstehen“ durcheinander geworfen. Ich meine nicht „Die sollen verstehen dass Rassismus scheisse ist, und nicht ich, dass es gut ist“.  Ich meine, wir sollen verstehen, warum sie Rassismus als Lösung betrachten.

Warum wir das verstehen sollten? Ja, weil sonst möglicherweise Faschisten diese Welt übernehmen. Horror-Szenario? Ich bin mir nicht sicher. Und es reicht doch das ‚möglicherweise‘.Es reicht doch, sich nicht sicher zu sein. Es reicht doch, dass einige Länder in Europa bereits rechtspopulistische Regierungen haben. Es reicht doch, dass es dieses und letztes Jahr in Deutschland zusammen fast 2000 Angriffe auf Geflüchtete gab. usw usw

Klar, man kann sich auch hinstellen und sagen, nee, seh ich nicht ein, wenn die das nicht kapieren dass Homophobie scheisse ist, dann haben sie Pech gehabt. Ja aber dann hab doch ICH am Ende Pech gehabt.

Warum ich verstehen soll und nicht die? Nein, stimmt, niemand hat hier mehr zu verstehen als die anderen. Nein, die eine Lebenswelt ist nicht blasiger als die andere. Nein, es stehen sich hier zwei grundlegend verschiedene Überzeugungen und Wertehäuser gegenüber. Aber das Haus, an das wir glauben, schafft es eben offenbar nicht von alleine, Zuflucht für alle, und allgemeine Meinung zu werden.

Ja, ich finde unsere Werte auch besser- aber ich finde sie nicht nur irgendwie leicht besser, und das andere halt doof, sondern das andere ist eine Katastrophe. Zur Debatte steht Faschismus. Das ist mein Grund zu sagen, ich muss die anderen Menschen verstehen. Fertig aus. Es geht doch nicht darum, wer geht jetzt mal einen Schritt auf den anderen zu, sondern, wer ändert radikal seine Meinung. Wir wollen unsere Meinung schonmal nicht ändern- Sexismus soll falsch bleiben, Rassismus auch. Gut, dann gibt es nur die andere Möglichkeit, dass andere ihre Meinung ändern. Und dafür müssen wir verstehen WARUM sie die haben, glaube ich. Dass sie irgendwelche Gründe haben, rassistisch zu denken. Ich glaube das ist auch ein Problem, der Unwille unsererseits, anzuerkennen, dass Menschen Gründe für Rassismus, Sexismus etc haben, und die nicht einfach sind, dass sie scheisse sind. Rassismus ist falsch, es gibt keine Entschuldigung dafür. Aber irgendwas macht doch, dass diese Menschen RassistInnen sind, und wir nicht. „Sie sind als scheiße geboren“? Wohl nicht.

Ein weiterer Tweet eines US-Amerikaners in etwa war: „Wenn das meine „Blase“ ist, dann lebe ich gerne darin, sorry dass ich nicht mit Rassisten befreundet bin.“ Ich denke ich verstehe, was er meint. Aber- es gibt doch wohl bitte was zwischen „FreundInnen haben, die RassistInnen sind“ und „nur mit Leuten sprechen, die genau das Gleiche denken wie ich“ !

Was meint der Begriff „Filterbubble“? Ich würde sagen, da werden grad oft zwei Dinge vermischt, wenn dieser Begriff verwendet wird. Es gibt die Bubble im Kopf, die Wissen-dass-es-die-anderen-überhaupt-gibt- Bubble. Gut, haben wir geklärt, die gab es für viele Leute. Mich schließ ich da in Bezug auf die USA ein; ich hab gedacht, es gibt überhaupt keine Leute die Trump wirklich wählen. Das ist unangenehm, das zuzugeben, aber es stimmt. Und jetzt denke ich drüber nach, ob ich mich genug informiert habe, über welche Medien ich das eigentlich getan habe, und was auch die vielleicht falsch gemacht haben. Für andere gab es diese Bubble nicht. Es gab Leute – JournalistInnen, PolitikerInnen, FreundInnen- denen ganz klar war, was für eine Riesenmenge Menschen mit Überzeugung hinter Trump steht; das lerne ich jetzt. Auf jeden Fall ist diese Wissens-Blase wohl endgültig geplatzt und dadurch für viele Menschen überhaupt erstmal sichtbar geworden.

Und es gibt noch die reale Bubble, die „Ich lebe in meiner liberalen Stadt und kann meinen gleichgeschlechtlichen Partner auf der Straße küssen-Bubble.“ Die in etwa meinte wohl der Tweet oben. Ja, und da lebe ich auch gerne. Aber was ist mit den anderen Leuten? Die nicht an der Ostküste wohnen? Was ist mit LGBTI-Menschen im Rustbelt? Okay, die ziehen dann auch an die Westküste. Teilen wir es doch einfach auf- die einen nach links, die anderen nach rechts. Und so machen wir es in Deutschland auch, die RassistInnen und SexistInnen und Homophoben in den einen Teil, und wir in den anderen Teil. Und genauso in allen anderen Ländern. Und in der Mitte ziehen wir einen Mauer. An diesem Punkt komme ich zum Kern meiner Argumentation. Ich will mit diesem „Mauer“-Gedanken gar nicht stumpf argumentieren; ich mein das tatsächlich ganz ernst. An diesem Gedankenexperiment wird doch klar, was das Problem ist: Wir teilen uns hier alle diese Erde. Und zu diesem Zeitpunkt der Geschichte hängt durch, nennen wir es meinetwegen Globalisierung, aber wie auch immer man es nennt, es ist in jedem Fall Fakt, ALLES zusammen. Alle Menschen sind über den Weltmarkt miteinander verbunden und voneinander abhängig. Wir haben eine globale, komplett ausdifferenzierte Arbeitsteilung. Die Vermittler für jeden einzelnen und jede einzelne auf diesem Markt sind Nationen, weswegen übrigens ja auch Nationalismus durch Kapitalismus befeuert wird. Aber Blöcke haben noch nichtmal in der überschaubar globalisierten Welt des Kalten Krieg funktioniert. Also, wir sind alle hier, und wir können alle nicht weg, bis wir sterben. Und wir können nicht tatenlos bleiben, wenn an anderen Orten, als wir glücklicherweise leben, Menschen Gewalt angetan wird, weil andere Menschen sie zu einer Gruppe dazuzählen, die sie diskriminieren möchten. Und die Taten, die wir brauchen, sind erstmal Worte, da bin ich mir sicher, so lahm und inaktiv das klingen mag.

Aber dazu im nächsten Beitrag mehr.

Abschließend zum Thema Filterbubble, „Wer soll hier wen verstehen“ und „Mit denen reden? Nein danke.“ Wenn DIE verstehen sollen, und nicht ich, sie es aber von sich aus nicht tun, und ich begründete Sorge habe, dass deswegen in letzter Konsequenz Menschen sterben- dann will ich lieber versuchen zu verstehen, warum sie denken was sie denken, und mit ihren reden und ihnen meine Gründe sagen, warum ich etwas anderes glaube.

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