Die romantische Idee des Trends

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In der Kunstzeitung Nr. 237/5-2016 versucht Bernhard Schulz nachzuweisen, dass es gegenwärtig einen Trend zu Ausstellungen zum 19. Jahrhundert gibt.  Interessant ist, auf welche Beispiele er sich dafür bezieht.

Schulz nennt zunächst die Ausstellung des Malers August Kopisch in der Alten Nationalgalerie, die vom Verein der Freunde der Nationalgalerie veranstaltet wird. Schon seit einiger Zeit sei das Programm dieses Museums 19.Jhr-lastiger geworden. Nachdem er dies festgehalten hat, erklärt er dass die „größere Stärke“ des Hauses eh jene Epoche sei.

Dazu ist zu sagen – das stimmt. Und das ist auch kein Geheimnis. Bei dem Schwerpunkt 19. Jahrhundert handelt es sich nicht um eine für Kenner wahrnehmbare Verschiebung, sondern um das offizielle Profil der Alten Nationalgalerie. In der neuen Nationalgalerie finden wir das 20. Jahrhundert, im Hamburger Bahnhof die Gegenwart, im Museum Berggruen die klassische Moderne usw. usw. Herzlich Willkommen in den Staatlichen Museen zu Berlin.

Nachdem Schulz seine These, dass das 19. Jahrhundert ein Trendthema in gegenwärtigen Ausstellungen ist, also als erstes anhand einer Ausstellung belegt, die von einem Haus für Kunst aus dem 19. Jahrhundert veranstaltet wird, geht er über zur Hamburger Kunsthalle.

Die muss im Artikel gleich dreimal herhalten. Mit der Ausstellung „Das goldene Zeitalter der dänischen Malerei“ (die am 16.5.2016 endete), mit „Franz Ludwig Catel. Italienbilder der Romantik.“ (bis 31.1.16), und mit der damals offenbar überaus erfolgreichen Ausstellung zu Caspar David Friedrich, die die Kunsthalle 1974 veranstaltete. In letzterer sieht Schulz gar den „Startschuss“ für die Wiederentdeckung des 19. Jahrhunderts. Diese lasse sich mit jener Friedrich-Retrospektive „für deutsche Museen recht genau datieren.“

Nun, ähnlich wie bei den Alten Nationalgalerie sei hier der Hinweis erlaubt, dass ein Schwerpunkt der Kunsthalle die (deutschen) Maler des 19. Jahrhunderts sind.

Auch die nächste Referenz von Schulz, übrigens hauptberuflich Redakteur im Kulturressort des Tagesspiegels, ist erstaunlich. Es ist die Ausstellung „Andreas Achenbach- Revolutionär und Malerfürst“ im Museum LA8 in Baden-Baden. Welches ein Musuem für was ist? Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts. Und auch das ist keine Einschätzung, sondern frei und offen kommuniziertes Profil.

Schließlich thematisiert Schulz eine Ausstellung des Malers Carl Gustav Carus, der „in Dresden und anschließend in Berlin umfangreich vorgestellt worden war wie noch nie.“ Er bezieht sich hier vermutlich auf eine Ausstellung von 2009, „Carl Gustav Carus. Natur und Idee“, die veranstaltet wurde von der Galerie Neue Meister, einem Haus der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Die Galerie Neue Meister legt ihren eigenen Angaben nach tatsächlich auf 19. wie 20. Jhr. etwa einen gleich starken Fokus. Zusammengearbeitet hat sie für diese Schau allerdings auch mit der Alten Nationalgalerie Berlin. Die, wir erinnerin uns, sich ausschließlich mit Kunst aus dem 19. Jahrhundert beschäftigt.

Einzig die im Artikel bemerkte Ausstellung, die 2015 das Werk des Malers Andreas Achenbachs zu seinem 200. Geburtstag würdigte, ist eine, die mit der Kunsthalle Düsseldorf von einem Museum veranstaltet wurde, das sich nicht hauptsächlich mit Kunst des 19. Jahrhunderts beschäftigt. Die Kunsthalle Düsseldorf hat ohnehin weder eine eigene Sammlung, noch einen echten Schwerpunkt, wenn denn nicht historische Bezüge zeitgenössischer Werke und Positionen aufzuzeigen.

Der neue Trend 19. Jahrhundert-Ausstellungen in deutschen Museen – er bleibt auf dieser Grundlage ein vermeintlicher.

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