Angst vor Maschinen und Robotern – der Kapitalismus entlarvt sich selbst

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Kapitalismus
Cover des New Yorker, 23.10.2017

Vorab

Es passieren aktuell viele beunruhigende Dinge auf der Welt, und nicht wenige Leute haben den Verdacht, dass das ganz grundlegend was mit „der Wirtschaft“ zu tun haben könnte. Damit, dass Leute keine Perspektive haben und dann anfällig für einfache Erklärungen  wie extremistische Ideologien werden oder damit, dass „es immer nur um die Wirtschaft geht, und nicht um die Menschen“.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass „das alles“ gerade sehr viel mit „der Wirtschaft“ zu tun hat. Aber ich würde das Problem gerne anders nennen, und zwar Kapitalismus. Ich vermute einige werden hier stöhnen. Puh, Kapitalismuskritik; voll altmodisch. Und einige werden wohl mit den Schultern zucken; klar, klar ist Kapitalismus ein Problem. Ökonomisierung aller Lebensbereiche, Nestlé, gierige Bänker. Wir müssen die Banken regulieren, Mindestlöhne flächendeckend durchsetzen, unsere Macht als Verbraucher wahrnehmen usw.

Diese Schlagwörter und Sätze, die ich hier mal reingeworfen habe, stehen stellvertretend für eine Kapitalismuskritik, die ich nicht teile. Es ist eine verkürzte Kritik, die mich viel beschäftigt. In diesem Beitrag möchte ich mit der Beschreibung eines Phänomens für eine andere Kapitalismuskritik werben.

Daraufhin möchte ich Ansätze einer Erklärung für diese Sache geben (es wird Kapitalismus sein). Um am Ende auf Literatur zu verweisen, die noch besser helfen kann, diese Phänomene zu verstehen (sie wird Kapitalismuskritik üben).

Die Hauptpunkte, die ich hier machen will, sind nicht neu. Sie sind nur nicht so bekannt, vor allem nicht in meinem direkten Umfeld, und deswegen will ich darüber sprechen. Mich beschäftigt wenig anderes so sehr, und in jedem zweiten Gespräch würde ich gerne auf einen Text verweisen, der wenigstens einmal halbwegs zureichend meine Sichtweise erläutert.

1: Eine Sache, die seltsam ist

Ungeachtet Armut, Ungleichheit, hoher Verschuldung von Privatpersonen wie Staaten, ungeachtet riesiger Konzerne, die immer riesiger werden und immer mehr Ressourcen kontrollieren , ungeachtet Antibiotikaresistenzen wegen profitorientierter Massentierhaltung, ausuferndem Niedriglohnsektor und und und, gibt es da noch eine Sache, die gerade erst am Anfang steht, aber auch ganz schlimm ist. Die noch gar nicht ganz da ist, aber gerade allen fürchterliche Sorgen macht. Die Fortschritte dämpft, wenn nicht ganz kaputt zu machen droht.  Es geht um die Digitalisierung, die „Industrie 4.0“. Bücher werden dazu geschrieben, Tagungen abgehalten, Expert*innen nach Lösungen angefleht. Was sollen wir tun, wenn in Zukunft massenhaft Arbeitsplätze von Menschen einfach wegfallen? Wie sollen wir diese Menschen ernähren, wie ihnen darüber hinaus Teilhabe ermöglichen, wie die Staatshaushalte stabil halten, wenn Einnahmen aus Einkommens- und Lohnsteuer sinken und Sozialausgaben steigen? Wie, wie nur sollen wir die wenigen Jobs für Menschen halten, wenn Maschinen sie ihnen wegnehmen?

Und hier wären wir bei: einer Sache, die seltsam ist.

Mir fallen einige Dinge ein, die sehr seltsam sind, und die ich im Zusammenhang mit Kapitalismus sehe. Aber eigentlich reicht eine einzelne, sehr interessante Sache glaube ich, um einen Anstoß zu sehen, sich mal mit dem Ganzen zu beschäftigen. Vielleicht ist es sogar die seltsamste.

Sehr seltsam ist, dass mittlerweile Maschinen Menschen einen Großteil an notwendiger Arbeit abnehmen können, aber sich die Gesellschaft darüber überhaupt nicht freut. Sondern im Gegenteil richtig Angst davor hat. Siehe oben.

Wie kann das sein, dass es etwas so Hervorragendes der Menschheit solche Schwierigkeiten macht? Mal ganz ernsthaft- warum? Das ist an sich überhaupt nichts schlechtes, kein bisschen.

Das gleiche Problem aus der anderen Richtung erzählt und mit einem konkreten Beispiel verbunden: Seltsam ist, dass 2015 eine NDR-Mitarbeiterin im Studio einer Sendung erzählte, dass hier acht Leute arbeiteten, obwohl man die Sendung mittlerweile mit bloß vier Leuten produzieren könne. Und dass man aus sozialer Verantwortung diesen Menschen gegenüber ihnen nicht kündige. Als seltsam möchte ich also festhalten, dass dieses im Kapitalismus agierende Unternehmen komplett ineffizient vorgeht. Aus andererseits ethisch guten Gründen, nämlich dem Wohlergehen von Menschen.

Warum also das alles? Warum ist das denn schlimm, wenn eine Maschine die Arbeit eines Menschen übernimmt?

Hier komme ich zu einem ersten Erklärungsansatz.

2: Ein Erklärungsansatz für diese seltsame Sache

Es ist schlimm, wenn eine Maschine die Arbeit eines Menschen erledigt, weil dieser Mensch, wie die allermeisten, diesen Job braucht, weil er dafür Geld bekommt. So weit, so wenig überraschend. Und das Geld braucht er, um leben zu können. Hier wird es interessant: Weil er sich nämlich nur dadurch die Dinge verschaffen kann, die er braucht, um seine Bedürfnisse zu befriedigen.

Und hier komme ich zum ersten oder besser dem zentralen Punkt von Kapitalismus, der wie ich finde einwandfrei kritikwürdig ist: In einer kapitalistischen Wirtschaftsweise werden Güter nicht nach Bedürfnissen verteilt, sondern nach Kaufkraft.

Wahrscheinlich klingt das erstmal gar nicht so komisch. „Ja, ist halt so, wer kein Geld hat kann sich halt nichts kaufen.“ Ja, stimmt, das ist so, das ist normal. Aber sollte es das sein? Ist das nicht eigentlich total falsch? Sollte nicht jeder etwas zu essen bekommen, der Hunger hat, und nicht nur der, der Hunger und Geld hat? Ich kann mir vorstellen dass viele Leute hier den Kopf schütteln ob so viel Naivität. Dass es eine Wirtschaftsweise geben sollte und könnte, in der jeder einfach das bekommt, was er braucht, „einfach so, ohne es sich zu kaufen“.

Denn, es geht halt leider nicht anders, es ist nicht genug da, und selbst wenn es das wäre, wollen Menschen eh zu viel, und könnte es nie reichen. Oder?

Grundlegend komisch finde ich ja auch, dass wir uns nicht alle erst zusammen fragen, z.B. in diesem Land, um mal kleiner und in den bestehenden Grenzen anzufangen, was und wie viel wir brauchen, und es dann herstellen. Sondern drauflos produzieren, Marmelade, Haarschnitte, Teppiche, Kinderbetreuung, und dann gucken ob es hinkommt.

Achtung, jetzt kommt der erste Schock in diesem Text. Ich benutze jetzt ein ganz ganz schlimmes Wort: Planwirtschaft. Ja, ich benutze jetzt tatsächlich diesen Begriff. Im Allgemeinen verbinden die meisten Leute es wohl mit Diktatoren, Mangel, und mit, ganz wichtiger Punkt, Blödsinn. Planwirtschaft, haha, so ein Quatsch.

Aber jetzt mal ganz im Ernst- ist das nicht andersherum viel komischer? Wir finden die Idee komisch, dass wir unsere Wirtschaft planen könnten. Wir finden das komischer als: Lass alle irgendwas herstellen, es auf einen Haufen schmeißen und gucken wer es nimmt. Und hoffen, dass meine Sachen genommen werden, damit ich dafür Geld bekomme und mir dafür das kaufen kann, was ich brauche. Und den Rest können wir ja wegschmeißen. Ich möchte eine Gruppe von Freunden sehen, die ein gemeinsames Wochenende in einer Berghütte plant, die so vorgehen würde. Ich weiß, diese Leute kaufen vorher ein, und sind nicht für ein Wochenende zusammen mit anderen eine kleine wirtschaftliche Einheit. Ich will nur auf dem Punkt Versorgung planen vs. Versorgung nicht planen herumreiten.

Haltet mich für seltsam– ich fände es eine ziemlich schlaue Vorgehensweise, die wirtschaftliche Aktivität einer enorm großen Gruppe Menschen zu planen.

Ein Haufen Schrott den keiner braucht

Nun mögen Leute sagen, Moment, ganz so stumpf wie mit dem Haufen wie du das gerade beschrieben hast läuft es ja nicht. Es gibt ja den freien Markt, mit seinen „Marktgesetzen“, die das regeln, was und wie viel hergestellt wird.

Dazu erstens: Der „freie Markt“ ist ein Hilfsmittel, das wir benutzen, weil wir nicht planen.

Das lass ich ohne weiteres hier stehen. Ich kann mir aber vorstellen, dass das ein Punkt ist, über den man kurz nachdenken muss.

Zweitens: Allgemein ist das Marktgesetz bekannt, das besagt, dass das, was viel nachgefragt wird, hergestellt wird, und das, was nicht, eben nicht. Und sich so eben alles schon regelt.

Erstens stimmt das nicht in der Hinsicht, dass ein Haufen Mist hergestellt wird, der nicht gebraucht wird, und der verzweifelt versucht wird, Leuten anzudrehen. Muss ich hier Beispiele bringen? Ich bring mal nur eins: Abos von Zeitschriften die man nicht haben will. Schon mal aus Versehen ans Handy gegangen als ein Bauer Media Mitarbeiter angerufen hat? Oh. Mein. Gott.

Warum tun die das? Sind die blöd, die Firmen? Und die Leute die da arbeiten? Sind die auch blöd? Wissen die nicht, dass niemand ein Abo von diesen komischen Titeln haben will? Dass ein billiger E-Reader als Prämie daran nichts ändert? Dass Print ausstirbt? Dass die Produkte die sie vertreiben gar nicht gebraucht werden?

Nein, die tun das, weil sie es müssen. Weil sie, ich komme wieder zum Punkt mit der Kaufkraft, den ich oben angeführt habe, arbeiten müssen, um einen Lohn zu bekommen, um sich ihre Brötchen und ihre Shorts und ihre Unterhaltungselektronik kaufen zu können.

DAS ist Kapitalismus. Nicht eine Thalia-Filiale, wegen der der kleine Buchladen schließen muss. Das ist nur das Symptom, nicht aber das Problem.

Ich schreibe es einfach nochmal: Die Thalia-Filiale, wegen der der kleine Buchladen schließen muss, ist das Symptom, nicht das Problem. Und das Symptom zu kritisieren, genau das ist die verkürzte Kapitalismuskritik, die meiner Meinung so fatal ist.

„Kapitalistische“ vs. „nicht-kapitalistische“ Unternehmen?

In den vergangenen Wochen haben drei verschiedene Freund*innen nebenbei das gleiche gesagt, was ich mal wieder ganz verblüffend fand. Der eine sagte so etwas wie „das ist halt das Ding bei kapitalistischen Unternehmen“. Der andere sagte „Willst du deinen Kaffee jetzt echt bei der Y-Bäckerkette einkaufen, so einem kapitalistischen Unternehmen, und nicht bei dem kleinen um die Ecke?“ Und die dritte sagte über die Inhaberin eines großen veganen Restaurants, das kürzlich geschlossen hat: „Sie hat bestimmt keinen Bock mehr auf so einen kapitalistischen Laden.“

Kapitalismus_1

Dazu möchte ich festhalten- es gibt nicht kapitalistische und nicht-kapitalistische Unternehmen.  Denn, Überraschung, im Kapitalismus ist ALLES kapitalistisch. Und zwar nicht aus Boshaftigkeit, sondern weil das der Rahmen ist.

Lassen wir genossenschaftliche Betriebe mal raus, auch wenn das mit denen auch gar nicht so leicht ist- es gibt aktuell nur kapitalistische Unternehmen. Kapitalistisch heißt nämlich nicht, es gibt ein paar böse große Unternehmen, die armen kleinen Unternehmen leider was wegnehmen, sondern, kapitalistisch ist eine Wirtschaftsweise, in der nicht für Bedarf gewirtschaftet wird, sondern für Gewinn. Und diesem Zwang kann sich keiner entziehen. Auch der Bioladen nicht.

„Und was ist mit meinem kleinen Projekt um die Ecke? Da machen wir das meiste auf Spendenbasis“ Ja, und irgendwoher muss dieses Geld kommen, das da gespendet wird. „Und die Leute die hinter der Theke stehen machen das ehrenamtlich.“ Ja und wovon leben die? Und wovon leben die, wenn sie kein Bafög mehr bekommen, oder ihre Nebenjobs nicht ausreichen, um ihre Kinder zu ernähren?

Ich sehe hier Potenzial für Missverständnisse. Deshalb –  ich sage nicht „das ist unrealistisch, macht das Café zu, geht zu Audi arbeiten“. Sondern: Dinge und Prinzipien wie Umsonstladen, Spendenbasis, Cafékollektiv, genossenschaftliche organisierte Betriebe etc. etc. existieren in Lücken innerhalb von Kapitalismus. Sie schaffen vielleicht einen kleinen Freiraum für bestimmte Menschen, sie ermöglichen (einer an der Gesamtbevölkerung gemessenen winzigen Gruppe) Menschen gute Dinge – aber sie ändern nichts, rein gar nichts am Kapitalismus. Nicht weil sie zu blöd oder zu klein sind, sondern weil das Problem nicht ist, dass nicht alle Betriebe genossenschaftlich sind, sondern dass das im Kapitalismus nicht geht. Sobald das geht, ist das hier kein Kapitalismus mehr.

Second Hand ist auch keine Lösung

Jede wirtschaftliche Aktivität (ja, auch genossenschaftliche, oder subsistenzwirtschaftliche) ist auf vielfältige Weise mit dieser Struktur verbunden, und, noch schlimmer, auf das Funktionieren dieses Rahmens angewiesen. Ich z.B. bin auch in ner Genossenschaft. Mit Geld, das ich woanders durch das Verkaufen meiner Arbeitskraft bekommen habe.  Du-dum. Aus dem gleichen Grund ist übrigens Second Hand auch keine Lösung. Oder Nachhaltigkeit an sich. Nachhaltigkeit ist der natürliche Feind des Kapitalismus. Warum? Weil, ich wiederhole es, im Kapitalismus nicht für die Konsumption gewirtschaftet wird, sondern für Gewinn. Und das eben nicht nur bei Amazon, sondern überall. Überall. In jedem Laden. In jedem Betrieb. Ich vermute, dieser Umstand ist so normal, dass man ihn schwer wahrnehmen kann.

Es tut mir leid, dass sagen zu müssen, aber: Wir werden diese Welt nicht mit Ressourcen schonen retten. Im Gegenteil, wir würden sie damit kaputt machen. Also nicht die Meere und Wälder, die freuen sich natürlich erstmal. Aber die Weltwirtschaft. Nehmen wir mal an, wir würden von heute auf morgen keine Billigklamotten mehr kaufen, sondern alle Menschen der Erde würden ihre Klamotten bei 20 tollen, nachhaltigen, fairen, veganen, Bio-Textilhersteller*innen kaufen. Was machen dann die Leute, die in den Billigfabriken gearbeitet haben? Wo sollen die hin? Die brauchen immer noch Geld um zu leben. Hm, vielleicht können sie in einer Plastiktütenfabrik arbeiten. Oh, die schließen wir auch alle, denn Plastiktüten sind schlecht für die Umwelt. Okay, dann vielleicht im IT-Bereich. Mist, da brauchen wir aber nur ein Fünftel der Leute, die vorher in den Klamottenbergwerken geschuftet haben. Und jetzt? Bedingungsloses Grundeinkommen! Oh, das Geld haben wir nicht, weil zu wenig Leute irgendwo steuerpflichtig arbeiten und in die Staatskassen einzahlen. Gut, dann ne Reichensteuer und eine auf Finanztransaktionen, und eine auf das Besteigen von Achttausendern. Ja….. Oder wir wirtschaften vielleicht ganz grundlegend anders, und müssen nicht Lösungen für Probleme suchen, die wir uns selber die ganze Zeit vor die Füße legen.

Zurück zu meinem Argument, die Marktgesetze stimmen nicht. Ich habe argumentiert, die stimmen einerseits nicht, da Sachen produziert werden, nach denen keiner gefragt hat. Weiter: und nicht nur minderwertige Konsumgüter wie T-Shirts aus Kunstfasern werden massenhaft hergestellt und nicht losgeworden (oder gekauft, aber nach zweimal waschen weggeschmissen, weil die Nähte sich auflösen. Weil der Hersteller oder die Herstellerin dieser T-Shirts unter anderem billigeres aber nicht so gutes Garn und  billigere aber nicht so gute Nähmaschinen eingekauft hat, um konkurrenzfähig zu sein). Nein, auch Lebensmittel, ohne Ende Lebensmittel werden nicht etwa in privaten Haushalten weggeschmissen, sondern in Supermärkten. Nicht manche, nicht manchmal, nicht ein bisschen – nein, alle, jeden Tag, viel. Das kann kein Zufall sein. Ich fress einen Besen, wenn es dahinter keine Prinzip gibt. Und ich tippe auf: Kapitalismus.

Porsche werden ja gar nicht so viel nachgefragt

Und zweitens stimmt es noch in anderer Hinsicht nicht, dass Angebot und Nachfrage dafür sorgen, dass es das gibt, was Leute brauchen, und das nicht, was sie nicht brauchen, und zwar in dieser: Arme Menschen kaufen nicht Champagner nicht, weil sie ihn nicht wollen, sondern weil sie sich ihn nicht leisten können. Nicht begüterte Menschen fragen keine schönen großen Wohnungen nach, nicht weil sie nicht gerne eine schöne große Wohnung hätten, sondern weil sie nicht genug Geld für diese haben. Ich würde diesen Absatz gerne einfach nochmal drunter kopieren, um das nochmal zu sagen.

Mit diesen Gesetzen, die die Herstellung von Gewünschtem gewährleisten sollen und Nicht-Herstellung von Nicht-Gewünschtem, stimmt also etwas was nicht.

Und dass das alles eben nicht sein müsste, weil das „eben so ist, es gibt Arme und Reiche“ und es ist „halt nicht genug da“, „Das sieht man ja“, das will ich eben in Frage stellen. Ganz grundlegend mit der Möglichkeit, nicht für Gewinn, sondern für Verbrauch zu wirtschaften.

Eine ganz irre Idee

Und weitergehend mit der Möglichkeit, diesen Verbrauch/ den Bedarf einer Volkswirtschaft zu ermitteln und dementsprechend zu wirtschaften, und Güter nach Bedarf zu vergeben.

Puh, ist das jetzt wirklich ein Vorschlag von mir? Ja! So verrückt ist das doch gar nicht.

„Aber das ist doch total kompliziert und aufwendig, wie soll das denn gehen?“

Also erstmal: Für etwas was schwierig ist, finde ich planen an sich schon mal eine gute Idee. Eine bessere als nicht planen.

Und zweitens: Wir befinden uns an einem Punkt der Geschichte, an dem wir Computer haben, die riesige Datenmengen bewältigen können, Kommunikationsmittel, mit denen man einen Großteil der Menschen super leicht erreichen kann, und Transportmittel, mit denen viele Dinge von ganz weit da bis ganz weit dort gebracht werden können, und das auch noch super schnell.

Ich finde es vor diesem Hintergrund überhaupt gar keine absurde Idee, dass das ginge. Denke ich, dass wir uns zu dritt morgen hinsetzen und das (ich bleibe weiter in bestehenden Grenzen) für Deutschland kurz durchrechnen könnten, und dann könnte man das so umsetzen? Nein, das denke ich nicht. Was ich denke ist: Wir haben doch viele schlaue Menschen, an Unis zum Beispiel, in VWL-Fakultäten vielleicht, es gibt doch Logistiker*innen in dem ein oder anderen Land, auch an Hochschulen übrigens, es gibt doch krasse Think Tanks, die mega Bock auf Problemlösungen haben, es gibt doch sogar ein bis zwei (vielleicht sogar drei) interdisziplinäre Forschungsansätze, und ganz vielleicht gibt es sogar noch mehr Institutionen und organisierte Intelligenz als ich hier aufzähle –  könnte man damit nicht vielleicht was anfangen? Wie wäre Forschung. Forschung zu geplanter, auf Bedarf ausgerichtete Volkswirtschaft – eine ganz verrückte Idee von mir.

Ein Freund erzählte mir kürzlich, dass eine Lösungsidee für die Bedrohung durch Roboter, die uns die schöne Arbeit wegnehmen, eine Robotersteuer ist. Also statt Lohn- und Einkommensteuer von echten Menschen. Ich dachte ich fall vom Stuhl. Der Freund sagte auch „Ich bin optimistisch, dass wir damit das Problem in den Griff bekommen könnten.“ Ein Problem, das ja gar keines ist! Oder eben nur unter den bestehenden Verhältnissen. Jetzt müssen wir also Fortschritt in den Griff bekommen, die bevorstehende Erfüllung von Aristoteles‘  Traum sanktionieren. Ich kann das einfach nicht glauben.

Das ist wie: In einer Stadt werden, weil die Leute keine Dächer kennen, alle Häuser ohne Dach gebaut, und als Regenschutz stattdessen eine Plane drübergespannt. Und auf einmal kommt jemand auf die Idee, ein Dach zu bauen. Aber weil, wenn jeder ein Dach kriegt, die Planenbauer keine Arbeit mehr haben, lässt man den Dachbauer pro Dach eine kleine Strafe zahlen. Häh?

Für mich steht deswegen unter anderem fest: Kapitalismus ist fortschrittsfeindlich. Ich würde hier jetzt gerne auch noch einige Absätze zu geplanter Obsoleszenz verlieren. Aber das hole ich wohl besser an anderer Stelle nach.

Und wer jetzt zu den ganzen Kommunikations- und Transportmitteln einwenden möchte, ja schön dass wir das haben, wir haben aber ja gar nicht genug Ressourcen um für alle etwas herzustellen: Wir, die traurige karge elende Erde, haben mindestens so viele Rohstoffe, um wenigstens schon mal alle Menschen ernähren zu können. Laut dem World Food Report der UNO, den Jean Ziegler, Ex-UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung anführt (der leider aus seinen Schlüssen keine hinreichende Kapitalismuskritik zieht), könnte die Weltlandwirtschaft heute ohne Probleme fast 12 Milliarden Menschen ernähren[1]. Aktuell leben etwa 7,5 Milliarden Menschen auf der Erde. Sollte also erstmal hinkommen. Und da der technische und wissenschaftliche Fortschritt ja fröhlich weitergeht, ist doch zu hoffen und sogar anzunehmen, dass es in 20 Jahren noch mehr Maschinen und andere Dinge gibt, die machen, dass wir mit wenig Aufwand und Ressourcen noch mehr für mehr Menschen herstellen können.

Was jetzt noch am häufigsten als Argument gegen eine andere Wirtschaftsweise als Kapitalismus gebracht wird: dass Leute ja aber gierig sind. Und dass es deswegen eben nicht reicht; nie reichen wird. Generell wird Menschen ja gerne vorgeworfen, dass sie „den Hals nicht voll bekommen.“

Kapitalismus_Gier

Zu diesem extrem verbreiteten und aus meiner Sicht absolut falschen „Gegenargument Gier“ würde ich jetzt gerne noch mindestens zwei Seiten schreiben. Ich beschränke mich an dieser Stelle darauf, folgendes zu sagen: In dieser Gesellschaft in der, wie ich überzeugt bin, durch kapitalistische Wirtschaftweise, Mangel vorprogrammiert ist, nicht durch böse Mächte, böse Menschen, böse Fabriken, sondern durch sich, durch ein sachliches Prinzip, also in dieser Gesellschaft, unter diesen Voraussetzungen Menschen Gier vorzuwerfen ist einfach zynisch. Und eben auch falsch.

Abschließend

Ich habe ich mit der seltsamen Sache, dass technischer Fortschritt uns bedroht, nur einen kleinen Ausschnitt aus Kapitalismus angesprochen und kritisiert. Aber damit bin ich gleich auf das große Ganze gekommen. Ich habe ein Phänomen vorgeschlagen, worüber man mal anders nachdenken könnte. Zum Beispiel indem man es erstmal als solches wahrnimmt. Und dann habe ich die These geäußert, dass dieses Phänomen durch den Kapitalismus bedingt ist. Ich habe Kapitalismuskritik geübt, aber nicht an Nestlé, was eben auch keine wirkliche wäre meiner Meinung, sondern am bösen bösen System. So nervig man diesen Begriff finden mag – er ist relevanter als alle anderen.

Ich habe den Schluss gezogen: Es ist nicht zu wenig da und dass es natürlicherweise keine Alternative zu einem „freien Markt“ geben kann stimmt einfach nicht. Was es nicht gibt, ist erstens das richtige Bewusstsein dafür, was Kapitalismus ist. Und zweitens, durch ersteres bedingt, Forschung. Und die sollten wir ganz dringend ganz bald betreiben finde ich.

Wer das jetzt hilfreich fand, oder interessant aber noch zu wenig umfassend, dem empfehle ich jetzt Literatur.

Denn wie komme ich eigentlich auf meine Gedanken? Tja, altmodischer als Kapitalismuskritik sind wohl Kapitallesekreise. Genau so einen hab ich für Band 1 vor ein paar Jahren gemacht, und, ja, das war einigermaßen alles verändernd.  Schlimm, das klingt alles ein bisschen nach Sekte. Aber das ist tatsächlich die beste wissenschaftliche Schrift ist, die ich bisher gelesen habe. Gut, ich leb auch erst 27 Jahre, und habe Politikwissenschaft studiert, aber dennoch. Ich empfehle es also sehr.  Genauso wie die Vorträge von Lothar Galow-Bergemann zu regressivem Anti-Kapitalismus, falls der mal in der Nähe sein sollte. Aber schneller und leichter als dicke Kapitalschinken wälzen und systematischer als die Vorträge ist was anderes: Irgendwann nach dieser Lektüre bekam ich das Buch „Die Misere hat System“ der Gruppen gegen Kapital und Nation in die Hände. Wenn ich jemandem einen einzigen Literaturtipp geben dürfte und danach nie wieder einen, dann den. Unter diesem Link  kann man es sich kostenlos (haha) als E-Book oder PDF runterladen. Ich kann nicht einschätzen, wie schwierig sich die Lektüre gestaltet,  wenn man marxistische Kapitalismuskritik nicht kennt. Es ist in jedem Fall aber wirklich sehr verständlich geschrieben, vermeidet Fremdwörter, labert nicht rum, und pflegt auch keine verwirrende Rhetorik, die einen über Schwachstellen hinwegtäuschen soll. Und ja, es sind ganz furchtbar radikale Linke, die das geschrieben haben. Ich würde auch eine gute Analyse der Verhältnisse der JU empfehlen. Die gibt es aber nicht.

[1] https://www.bpb.de/dialog/145727/wir-lassen-sie-verhungern-interview-mit-jean-ziegler, vom 9.10.2012

Titelbild: Cover des New Yorker vom 23.10.2017

 

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