Stilübung: Christian Kracht/Faserland

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Literatur / Stilübungen

Heute imitiere ich Christian Kracht und seinen Roman Faserland

„Also, ich bin bei Paula. Wir kennen uns noch von den Silvesterpartys bei Johanna in Davos. Paula ist sehr nett, sie kennt sich mit Musik aus und in der Schweiz fällt sie auch gar nicht auf, weil sie ganz langsam spricht. Dazu muss ich noch sagen, dass ich das eigentlich hasse, wenn Leute langsam sprechen, aber bei ihr stört es mich nicht, ich weiß auch nicht warum.

Paula sagt immer, die ganzen Feministinnen sollten einfach mal Urlaub auf den Seychellen machen. Ich weiß nicht genau was sie damit meint, aber ich glaube, sie hat recht. Paula hat irgendeinen Knacks mit Sonne, also dass sie da nicht zu lange drin bleiben darf, deswegen ist es bei ihr zuhause immer ganz dämmrig. Ihre Eltern sind Ärzte und Missionare und die Familie lebte lange im Amazonas oder so. Die Kinder durften fast nie raus, wegen der Schlangen und Krokodile und vor allem wegen der Hitze. Die Eltern hatten immer Angst, dass sie krank werden. Deswegen hat Paula auch den Knacks mit der Sonne glaub ich.

Also, wir sind in Paulas dunklem Appartment, sie probiert noch einige Kleider an, und ich sitze in einem der Barcelona Chairs und rauche. Als sie sich für ein Kleid entschieden hat macht sie uns einen Wodka Sour, wir rauchen noch eine Zigarette und dann fahren wir zum Ravens. Das Ravens ist eine heruntergekommen Tapas Bar, in der sich die treffen, die sich für die Boheme von Graubünden halten. Dort habe ich mal gesehen, wie Urs Fluri seine Frau verprügelt hat. Es hat eine schöne Außenterrasse, auf der man gut sitzen kann.

Wir fahren mit Paulas altem Porsche Cabriolet. Paula fährt an einem schönen, klassizistischen Haus vorbei, das mich an die Botschaft in St. Petersburg erinnert, wo ich als Kind so gerne gespielt habe. Also ich glaube dass der Stil klassizistisch ist.

Wir setzen uns auf die Terrasse und Paula bestellt eine Auswahl an Tapas, Wein und Drinks. Sie macht das einfach so, für uns beide, ohne einen Moment nachzudenken, und weil ich nichts zu tun habe zünde ich mir eine Zigarette an.

Drinnen läuft Vicious von Lou Reed, also das hört man durch die Tür und durch eines der Fenster, das auch geöffnet ist. Ich höre der Musik zu, trinke meinen zweiten Wodka Sour und beobachte Paula. Die sagt, sag mal eine Zahl zwischen 1 und 10, und ich sage, 7, und sie sagt, gut, und kritzelt irgendwas auf eine Serviette. Dann sagt sie, sag noch eine Zahl zwischen 1 und 10, und ich überlege diesmal etwas, und sage dann, 2, und irgendwie kommt es mir diesmal falsch vor, weil ich nachgedacht habe. Und auch Paula scheint die 2 weniger gut zu gefallen als die 7, denn sie runzelt nur die Stirn und streicht irgendwas durch. Das macht mich irgendwie nervös, dieses Spiel, und gleichzeitig will ich dass es weitergeht. Mir ist warm, und ich will meinen Mantel loswerden und gehe rein. Dazu muss ich noch erklären, dass es im Ravens eine Garderobe gibt, wie in einem Club. Also es war auch früher ein Club, und die Garderobe haben sie einfach übernommen, so als Gag. Aber eigentlich ist es wirklich praktisch. Man muss seine Kleider nicht einfach irgendwo an einen hässlichen Haken hängen, der das Innenfutter aufspießt, sondern kann sie, mit all seinen Wertsachen, einfach abgeben.

An der Garderobe sitzt eine sehr schicke Frau Mitte Vierzig. Sie liest in einem Magazin für deutsche Rassehunde. Das finde ich auf irgendeine Weise wahnsinnig abstoßend.  Ich möchte dass sie das weiß, und dass sie mich auch abstoßend findet, also rolle ich mit den Augen und dabei lasse ich meine Zunge raushängen, so als ob ich behindert wäre. Dann drücke ich ihr meinen Mantel in die Hand und gehe wieder raus. Die Frau schnappt nach Luft und starrt mir wütend hinterher.

Paula hat mittlerweile auch meine Serviette mit Zahlen beschmiert, was ich recht dreist finde. Ich setze mich, und rauche. Mit den Armen stütze ich mich auf dem Tisch ab, also mit den Ellenbogen. Weil ich gleichzeitig auch mit dem Stuhl kippel rutsche ich so von der Tischkante ab, und auf meinem Arm bleibt ein leichter roter Abdruck.  Ein bisschen sieht der aus wie ein Hakenkreuz. Auf eine Art bedaure ich, dass ich davon sicherlich keine Narbe behalten werde. Die Leute würden ja auf jeden Fall denken, man hätte sich die absichtlich eingeritzt, die Narbe, und deswegen würden sie einen immer für einen Nazi halten, und wären sicherlich gleich total aufgebracht, und gleichzeitig begeistert, dass sie mal endlich eine richtig harte Nazibraut vor sich hätten, nicht nur so AfD-Wählerinnen. Und gleichzeitig könnten sie es nicht glauben, dass so ein nettes Mädchen ein Nazi sein soll. Aber da ist ja das Hakenkreuz, und dann ist ja alles klar, gott sei dank sind die Dinge klar. Und fragen sollte man die Leute nicht, das haben sie auch gelernt, die Körnerfresser.

Neben unserem Tisch hüpft eine Krähe auf und ab. Irgendwann bleibt sie nah bei uns sitzen und starrt uns an. Sofort muss ich an einen Abend im Tessin denken, als wir im Urlaub in einem Bergdorf essen waren. Da saß ein Hund neben dem Tisch und hat mich so hungrig angeschaut.

Ich hatte damals das Gefühl, dass er gar nicht so hungrig ist, sondern  vor allem Gesellschaft sucht. Und nur so tut, als würde er was vom Essen abhaben wollen, weil das mehr in Ordnung ist, also für ein Tier. Jedenfalls daran muss ich denken als ich die Krähe sehe, die neben dem Tisch von Paula und mir langspaziert.

Paula nimmt einfach seit 20 Minuten keine Notiz von mir, sondern malt wie wahnsinnig Zahlen. Und das stört mich, aber eigentlich ist mir das auch wahnsinnig egal. Ich gehe zur Toilette und wasche mir die Hände. Auf einmal wird mir wahnsinnig schlecht. Ich zünde mir eine Zigarette an, in der Hoffnung dass die Übelkeit dann verfliegt, und ein bisschen hilft es auch. Aber ich fühle mich trotzdem wahnsinnig schlecht und ich muss mich kurz ans Waschbecken lehnen, wodurch sich in mein Seidenkleid eine Falte zieht.

Ich gehe hinter den Tresen der Garderobe und nehme mir ohne zu fragen einfach meinen Mantel. Ich drücke der aufgebrachten Rassehundefrau meine Marke in die Hand und sage: „Deutschland ist stolz auf Sie. Und grüßen Sie den Herrn Geheimrat recht herzlich.“  Von Paula unbemerkt gehe ich an unserem Tisch vorbei, den kleinen Hügel runter, steige in ein Taxi und fahre zum Bahnhof. Ich kaufe eine Fahrkarte nach Stuttgart und gehe dann in den Kiosk. Ich habe Durst, will aber irgendwie nichts trinken weil mir immer noch schlecht ist, also kaufe ich nichts. Ich fühle mich nervös und gleichzeitig müde, weiß aber dass ich gleich nicht schlafen werden kann. Bevor der Zug kommt setze ich mich aufs Gleis und rauche eine Zigarette.“

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