Das Magazin der ZEIT will innovativ, schlau und cool sein, ist es aber kein bisschen. Es ist trantütig, rückschrittlich und unglaublich langweilig. Und die Rückschrittlichkeit der Ausgabe vom 28. September 2017 verwirklicht sich ganz klassisch in – Sexismus. Den möchte ich hier einmal darstellen.
Ich bin generell kein großer Fan der ZEIT, und das relativ einseitig begründet aber mit Überzeugung wegen der Titel. Über platte, reisserische ZEIT-Titelseiten rege mich alle paar Wochen am Kiosk auf. Dass jede Zeitung im Kapitalismus unter dem Zwang steht, für ihre Auflage zu sorgen, und das leider wenigstens am Kiosk ganz gut mit reisserischen Aufmachern funktioniert, bringt mir zu diesem Ärger mal wieder noch einiges an Verzweiflung. Aber ich denke, dass es da durchaus noch Spielraum gibt, und man den ausnutzen sollte, oder, je nach Blickwinkel, eben nicht. Und sind Kioskverkäufe nicht mittlerweile total irrelevant im Gesamtabsatz?
Anyway, ich mag die ZEIT nicht, aber das ZEIT Magazin hat etwas, das ich sehr gerne mag: ein komisches, schwieriges Kreuzworträtsel. Es ist absolute Bildungsbürgergeiferei, bezieht sich auf einen konservativen Kulturkanon, verarscht einen gerne und verlost einmal im Jahr mit einer extra schweren Ausgabe einen unattraktiven Preis. Kurz, es macht süchtig. Von Zeit zu Zeit (haha) kaufe ich also für teuer Geld die riesige Clown-ZEIT, und werde wahnsinnig über diesem Rätsel. Aber natürlich blätter ich auch durch. Und das sollte man eben nicht machen. Oder vielleicht doch, und sich in seinem Blog endlich mal halbwegs gewinnbringend aufregen.
Als erstes blätter ich gar nicht, nachdem ich das Rätsel liegen lasse, sondern gucke nur nach rechts. Die Seite nebenan wird fast komplett gefüllt mit einem Foto von dem Schatten einer Frau im Sand, die, so wie es aussieht, sich selbst fotografiert. Der Schatten-Körper ist super dünn. Darunter ist ein kurzer Brief, und zwar von Larissa an Thomas. Diese Reihe kenne ich schon, geht mir auf; ich hatte sie aber vergessen. Sie heißt „Fernbeziehung“ und dokumentiert eben eine solche zwischen einer Frau und einem Mann. Der Mann ist 37 und Fotograf, die Frau ist 25 und Model.
Larissa schreibt, dass sie es jetzt mit dem Modeln sein lässt, und darf immerhin sagen, dass sie darüber sehr froh ist, da man als Model zB auf der Fashion Week ständig gesagt bekomme, dass man zu dünn oder zu dick sei. Fand ich gut, das zu lesen. Ansonsten hatte ich ein komisches Gefühl. Und das prägte sich aus, als ich dann Thomas‘ Nachricht auf Seite 14 las. Da gibt es das Gesicht zum Körper vom Schatten-Foto, und Thomas, traurig, dass Larissa nach einer kurzen gemeinsamen Zeit in London wieder weg ist, schreibt, dass er sich zum Trost alte Bilder von ihr anschaut. Zum oben verwendeten Bild von ihrem Gesicht sagt er „Das hier ist bei einem gemeinsamen Shoot in New York entstanden, da haben wir noch zusammengearbeitet, ich als Fotograf, du als Model, und in einer Pause musstest du lachen, und ich habe ein Foto von dir gemacht.“ Das ist erstens langweilig (was, er, der Fotograf, hat ein Foto von ihr gemacht? bei einer Pause auf einem Shoot? Als sie gelacht hat? Crazy) und zweitens ein bisschen gewollt cool und großstädtisch. Es sorgt aber vor allem dafür, dass ich diese ganze Reihe noch unangenehmer finde.
Mein Eindruck von der Rubrik „Fernbeziehung“: Unter dem Deckmantel von cooles Format (ich find das ja auch gar nicht schlecht mit den zwei Briefen im gleichen Heft) wird hauptsächlich eine gute alte Männerphantasie bedient und ausgebreitet. Nämlich die, ein 1. zehn Jahre jüngeres und 2. Model zu daten. Die wird schön angefüttert mit Bildern von dieser Frau. Und mal wieder wird hier eine DER Praktiken geübt, die das Patriachart ausmachen: Der männliche Blick auf den weiblichen Körper, der die Frau einordnet, bewertet und dadurch vermeintlich wertvoll macht.
Ich blättere weiter zu einer Doppelseite, auf der links die Kontaktanzeigen stehen und rechts die Rubrik „Die großen Fragen der Liebe“. Hier kann man Wolfgang Schmidtbauer, einen „der bekannstesten deutschen Paartherapeuten“ lesen. Heute kommentiert er eine Story, die so beginnt: „Lena und Peter sind seit langem ein Paar. Ihr Problem war erst, dass Peter viel öfter Lust auf Sex hatte als Lena, die sich ihm oft verweigerte.“ Ich finde diese Ausdruckweise sehr problematisch. Verwendet man im Allgemeinen doch das Verb „sich verweigern“ wenn etwas beschrieben werden soll, was jemand eigentlich tun sollte.
Dann lese ich die Hauptstory des Blatts, die auch den Magazintitel stellt: Ein Interview mit einer Scheidungsanwältin aus Hollywood. Im Heft gibt es noch ein anderes großes Interwiew, und zwar zum Thema Alkoholmissbrauch, der den Interviewpartnern zufolge, zwei Wissenschaftlern, gesellschaftlich weit verbreitet ist. Tja, könnte auch wichtig sein. Wird für das Publikum aber als offenbar weniger relevant eingeschätzt, als Einblicke in den Alltag der Frau, bei der sich Promis aus Hollywood scheiden lassen.
Die Headline des Artikels ist: „Wenn Sie nicht mit Ihrem Mann schlafen, wird es eine andere tun.“ Hier wird also an zweiter, prominenter Stelle im Heft suggeriert, dass Frauen ihren Männern zur Verfügung zu stehen haben. Und sonst eben selber Schuld sind, wenn sie betrogen oder verlassen werden.
Was mich an diesem Thema „Er hat mehr Lust auf Sex als sie“ generell stört: Ja, tatsächlich ist es wohl häufig so, dass in vielen (Hetero-)Beziehungen der Mann öfter Sex haben will als die Frau. Aber dafür gibt es Gründe, und die sind nicht, dass „sie“ eben eine Frau ist und „er“ halt ein Mann. Erstens wird Frauen von der Gesellschaft vermittelt, dass ihr eigenes Begehren scheisse ist. Wir denken nur an die hilfreiche Unterscheidung „Frauenheld“ und „Schlampe“.
Und zweitens bekommen Frauen in klassischen Paarbeziehungen sehr wenig Sex, der ihnen auch Spaß macht. Das drückt sich in vielen Aspekten aus; ich greif mir mal hier den plakativsten raus: Unter anderem kommen Frauen deutlich weniger oft als Männer. Während der Höhepunkt des Mannes praktisch Standard ist, ist der Orgasmus der Partnerin oft gewissermaßen ein kleines Extra, das es eben manchmal gibt. Auf den Orgasmus des Manns werden die sexuellen Aktivitäten beider Partner ausgelegt; er ist sozusagen Ziel. Wenn er kommt, ist das quasi das Signal, dass es einen erfolgreichen Sex gegeben hat. Das habe ich selber sehr lange so empfunden. Nicht verwunderlich, es wurde mir ja seit der Pubertät durch meine gesamtes Umfeld aus Medien, Bezugspersonen etc. auch vermittelt. Bevor ich selber Sex hatte wurde mir auch weisgemacht, dass Frauen beim Rein-raus-Sex automatisch kommen. Kleine Enthüllung auf Kosten des Hauses: tun sie nicht. Die meisten Frauen kommen nicht bei den Aktionen, die gemeinhin als Sex gelten. Auch das ist aufschlussreich: Anfassen, es sich gegenseitig machen etc. wird oft nicht „Sex“ genannt. Ich höre jetzt auf, das weiter auszubreiten. Und halte fest: Im Diskurs um dieses Thema, also „Lust auf Sex“, kommen die Gründe für das ja real existierende Ungleichgewicht viel zu kurz.
Zu dem Interview als solches, in dem die Anwältin mir auf den letzten Metern noch sympathisch wurde, möchte ich noch anmerken, dass ich es für sehr unwahrscheinlich halte, dass der Reporter einen männlichen Anwalt auch gefragt hätte, ob er mit seinen von Scheidung betroffenen Mandant*innen mitweint. Antwort der Anwältin: Nein, denn das sei unprofessionell. Hm, stimmt, und dass sie sich professionell verhält, davon kann man ausgehen – interviewt man doch die beste Anwältin des Gebiets, wie in der Einführung festgehalten wird. Aber sie ist ja ne Frau, und da kann man ja nochmal nachfragen.
Als letztes lese ich dann noch die Kontaktanzeigen. Und hier wird mir auch endgültig klar, warum das ZEIT Magazin so ist, wie es ist. Wenn die Personen, die hier inserieren, den/die durchschnittliche*n ZEIT Magazin Leser*in darstellen, dann ist alles, was ich oben beschrieben habe, nur folgerichtig. Kurz gesagt inserieren hier Frauen mittleren bis höheren Alters, die gebildet und erfolgreich sind, und werben für sich damit, dass sie hübsch und nett sind. Eine benutzt den Ausdruck, „fleißig in Haus und Garten“. Männer schalten Anzeigen, in denen sie maximal sagen, dass sie „vorzeigbar“ sind, meistens sagen sie aber gar nichts darüber wie sie aussehen. Dass die Partnerin hübsch und schlank sein muss, schreiben jedoch etwa 90%. Die Anzeige, die mir kurz die Sprache verschlägt ist folgende: „Ich, 39, will keine Feministin, ich will lieber eine Frau bis 40 J., eine für Kinder, Familie und zum Küssen, und keine zum ärgern, gendern und verhaun… Postantworten ohne PV sind willkommen unter (…)“
Der Vollständigkeit halber möchte ich sagen, dass ich auch ein paar sehr nette Kontaktanzeigen von Männern an Frauen gelesen haben. Einer wünscht sich doch gar eine, die schlau ist. Polyamor, bi, unkonform und komplex darf sie auch sein. Puh, nochmal Glück gehabt.