Ich habe den Beststeller Factfulness geschenkt bekommen, und möchte nach den ersten 50 Seiten ein Zwischenfazit ziehen. In dem international gefeierten Buch von Gesundheitswissenschaften-Professor Hans Rosling, Ola Rosling und Anna Rosling Rönnlund geht es darum, dass die meisten Menschen mit ihrem düsteren Blick auf die Welt falsch liegen und woran das liegt, nämlich einigen psychologischen und kognitiven Phänomenen. Bill Gates lässt auf dem Cover verlauten, dass es eines der wichtigsten Bücher ist, das er gelesen hat, und hinten drauf darf auch Melinda Gates sagen, dass sie das Buch besonders findet.
Ich bin mit großen Vorurteilen an dieses Buch heran gegangen, weil mir in den meisten Analysen der Welt progressive Kapitalismuskritik fehlt. Ich reagiere abwehrend darauf, wenn mir jemand erzählen will, dass die Welt nicht so schlecht ist, wie ich denke. Und das, obwohl ich mir nichts mehr wünsche als das, weil mich all das Leid ganz schön mitnimmt (weswegen es mir auch geschenkt wurde; danke dafür nochmal an dieser Stelle <3). Ich versuche Menschen eher vom Gegenteil zu überzeugen, dass es nämlich ganz schön schlimm alles ist, und der Grund dafür nicht Menschen sondern Kapitalismus.
Die Einleitung
Ich bin also sehr skeptisch und gleichzeitig sehr gespannt, als ich das Buch beginne. Beim Überfliegen des Inhaltsverzeichnisses verstehe ich, dass er und seine zwei Mitstreiter*innen übliche Denkfehler von Menschen ausgemacht und kategorisiert haben. Das finde ich super, denn ich mag Systematik, und welche zum Denken an sich finde ich sehr sinnvoll.
Ganz zu Beginn füllt man einen Fragebogen aus, in dem Wissen über den Zustand der Welt abgefragt wird. Armut, Zugang zu Elektrizität, bedrohte Arten. Es sind 12 Fragen mit je drei Antwortmöglichkeiten. Ich kritzele meine Antworten auf eine Serviette und habe Spaß.
Dann lese ich die Auflösung und zähle meine Punkte. Rosling versichert mir, dass ich keinen Grund habe mich schlecht zu fühlen, wenn ich kaum eine Frage richtig beantwortet habe. 2017 haben er und sein Team um die 12.000 Personen in 14 Ländern befragt. Durchschnittlich wussten die Teilnehmer*innen 2 von 12 Fragen richtig. Niemand (in weiteren Buchstaben: niemand) wusste alle richtigen Antworten, und eine Person aus Schweden hatte 11 von 12 richtig. Ganze 15% haben keine einzige Frage richtig beantwortet.
Ich habe 7 Fragen richtig beantwortet. Sehr irritierend. Fünf Minuten starre ich stirngerunzelt im Café umher und suche nach dem Grund. Bildung und Interesse an der Welt sind laut Rosling überhaupt keine einflussgebenden Faktoren. In seinen Testgruppen waren auch Personen mit sehr hohem Bildungsgrad; viele Wissenschaftler*innen, Politiker*innen usw. Irgendwann geht mir geht auf, dass ich vom Kontext beeinflusst sein muss, in dem ich den Test mache. Die Leute, die von ihm in seiner Studie befragt wurden, wurden sicherlich nicht darüber aufgeklärt, wofür die Erhebung ist. Ich hingegen lese ein Buch das den Untertitel „10 reasons why we’re wrong about the world – and why things are better than you think“ trägt. Gut, ziehen wir also mal 3 Fragen ab, die ich vielleicht positiver beantwortet habe als ich das wohl hätte, wenn ich Teilnehmerin der Studie gewesen wäre, und damit falsch. Bin ich bei 4. Laut Rosling immer noch der absolute Hammer.
Ich bekomme das Gefühl, dass dieses Buch nichts für mich ist, und zwar in jeder Hinsicht. Ich weiß offenbar grob Bescheid, wie es um die Welt steht, bin aber trotzdem überzeugt, dass sie keine gute ist.
Und das liegt vor allem an folgendem: Zu fast allen seinen Zahlen fallen mir schon während des Ausfüllens weitere ein. Ja, weltweit haben 30-jährige Männer im Durchschnitt 10 Jahre Schulbildung genossen und Frauen 9, was kein so großer Unterschied ist. Aber hat er schon mal was von der gläsernen Decke gehört? Davon dass Frauen in den meisten Ländern mindestens den gleichen, oft den besseren Abschluss machen und trotzdem weniger verdienen? In Deutschland zum Beispiel machen mehr Frauen Universitätsabschlüsse als Männer das tun, und sie promovieren fast genauso häufig, aber dann werden sie nicht genauso häufig Professorin. Der Grund ist natürlich struktureller Sexismus.
Tiger, Pandas und Rhinozerosse sind heute nicht in größerem Maße bedroht als sie es 1996 waren, bringt Hans Rosling mich auf neuesten Stand. Top. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind aber 25.821 von 91.523 Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht, wie ich aufgrund meiner Vermutung recherchiere. Das ist fast ein Drittel aller Arten, die es auf diesem Planeten gibt.
Und so weiter, und so weiter. Ich bin eine Mischung aus verärgert, belustigt, voller Genugtuung und frustriert. Aber ich denke, dass ja aber noch gut 200 Seiten vor mir liegen und es genug Platz gibt, auf diese Zahlen näher einzugehen. Also mal sehen, wie es auf den nächsten Seiten aussieht.
Erstes Kapitel: Gap Thinking
Im ersten Kapitel geht es um das sogenannte Gap-Thinking. Es geht um eines der Grundmuster von Menschen, die er festgestellt hat, und zwar, in gegenüberliegenden Gruppen zu denken. Es dauert eine Weile, bis er das macht worauf ich warte, nämlich dieses Phänomen wenigstens etwas größer einzuordnen. Binäre Vorstellung der Welt und seiner Ordnung? Geschlechterverhältnisse?Anyone?
Was neben dem Ignorieren davon, dass „Gap-Thinking“ ein bereits in anderen Disziplinen untersuchtes Phänomen ist und es Bezüge zum Patriarchat gibt, vor allem ins Auge springt bei seinen Gedanken: Er lässt Rassismus außer acht. Rosling fragt, wie es sein kann, dass seine Studierenden in Kategorien wie „die“ und „wir“ denken, in „die armen Entwicklungsländer“ und „die reichen westlichen Länder“. Nun, das nennt man mittlerweile zum Glück nicht nur undifferenziert, sondern Rassismus. Es gibt schon eine Weile gute theoretische Konzepte, die zB das Phänomen des Othering beschreiben. Dafür muss man aber miteinbeziehen, dass es Diskriminierung gibt. Auf den ersten 50 Seiten eines Buches über den Zustand der Welt den Begriff „Diskriminierung“ kein einziges Mal zu nennen, finde ich ziemlich schlecht.
Diese Überlegungen seinerseits zu seinen Studierenden sind jedoch nur die Einleitung. Er will im ersten Kapitel vor allem zwei Dinge: 1. das argumentative Mittel Durchschnitt angreifen. Und zweitens für vier Kategorien von Wohlstand plädieren, statt nur zwei, nämlich „Arm“ und „Reich“.
Lücke vs. Gemeinsamkeiten
Zunächst zum Durchschnitt. Er schlägt eine andere Betrachtungsweise vor, und zwar, Personen aus zwei Gruppen insofern miteinander zu vergleichen, als dass man schaut, für wie viele Personen es zu einem bestimmten Zeitpunkt jemanden in der anderen Gruppe gibt, der ihnen, was dieses eines Merkmal angeht, gleich ist. Beziehungsweise ob es niemanden gibt, der ihnen gleicht. Klingt kompliziert, ist aber eine gute Idee. Als Beispiel nennt er Mathenoten von Männern und Frauen in den USA. Wenn man die Mittelwerte mehrerer Jahre miteinander vergleicht, sieht man eine Lücke, also einen Gap. Wenn man sich hingegen ein Jahr rausgreift und gleiche Zahlenwerte als sich überdeckende, also identische Punkte darstellt, dann sieht man, wie viele Leute aus den beiden Gruppen sozusagen einen Zwilling haben, was dieses Merkmal angeht. Man legt den Fokus bei dieser Betrachtungsweise also nicht auf die Lücke, sondern auf die Gemeinsamkeiten beider Gruppen.
Das finde ich eine sehr gute, hilfreiche Idee. Ich habe jedoch eine Weile gebraucht, um sie zu verstehen. Es kann natürlich sein, dass ich es einfach so dermaßen gewohnt bin, auf Unterschiede fixiert zu denken. Wodurch sein Punkt natürlich umso wichtiger wäre.
Bevor er diesen Vorschlag macht, macht er allerdig etwas, was ich problematisch finde. Die erste Darstellungsweise der Mathe-Punkte ist auf der x-Achse so gewählt, dass ihr niedrigster Wert ca. der niedrigste vorgekommene Mathenotenwert ist und der höchste der höchste. So weit, so einfach. In der ersten Darstellung sind das ca 490 Punkte (der niedrigste Wert) und 540 Punkte (der höchste Wert). Im nächsten Schritt geht die X-Achse von 0 bis 600 Punkten. Natürlich ist hier die Lücke zwischen den zwei Graphen viel kleiner. Was er hier gemacht hat ist also, die Darstellung zu verändern. Ich denke, so etwas sollte in einem Kapitel zu „Wie Sie Tabellen, Diagramme und Co richtig interpretieren“ stehen. Es ist null inhaltlich. Es ist eine reine Darstellungssache. Er bringt sie aber in einem inhaltlichen Kapitel, und das finde ich wirklich schlecht. Weil missverständlich und inkonsistent.
Mehr als „Arm“ und „Reich“
Nach Einleitung mit Abstecher zu Erfahrungen mit Studierenden und Mittelwerte-Kritik kommt eines der ersten Kernstücke des Buches. Und zwar, wie zuvor kurz genannt, das Plädoyer für weg von „Arm“ und „Reich“ hin zu vier verschiedenen Einkommensstufen. Eingangs verrät Rosling schon mal, dass heutzutage die meisten Menschen der Welt in Stufe 2 und 3 leben, und nicht 1, wo bittere Armut herrscht. Genauer: Die meisten Menschen heutzutage leben auf Stufe 2. Ich fühle zum ersten Mal Hoffnung. Nur noch ein Teil bei 1 und die meisten in 2 und 3? Das ist ja wirklich gut.
Schnell bin ich allerdings noch deprimierter als zuvor, nämlich nachdem ich die Beschreibungen der Stufen gelesen habe. Stufe 1 sieht so aus, dass man einen Dollar pro Tag zur Verfügung hat, die eigenen Kinder barfuß mit einem Plastikeimer jeden Tag Kilometer zu einer Wasserstelle laufen müssen und wahrscheinlich an einem simplen Infekt sterben. Level 2 heißt verdoppeltes Einkommen, die Kinder tragen Sandalen und laufen damit zur Schule, es gibt Elektrizität in der Hütte, wenn die Stromversorgung nicht zusammenbricht, und man spart auf eine Matratze, damit man nicht mehr auf der Erde liegen muss. In Level 3 arbeitest du 16 Stunden am Tag, und das jeden Tag, womit du es hinbekommst, 16 Dollar am Tag zur Verfügung zu haben, und damit einen Kühlschrank und ein Mottorad zu kaufen, fliessendes Wasser zu haben, jeden Tag etwas anderes auf den Tisch für die Kinder zu bringen, etwas zu sparen und eines Tages sogar einen Ausflug an den Strand zu machen.
Ich komme gleich zu Stufe vier. Aber vorher möchte ich diese Gedanken loswerden: Die meisten Menschen der Erde leben so, dass sie Wasser holen gehen und auf eine Matratze sparen? Das kann er nicht ersthaft feiern. Das sollten wir nicht als bittere Armut definieren?
Er führt an, dass die Unterschiede für jemanden wie mich, aus der Stufe 4, marginal sind, für jemanden in 1 und 2 aber nicht. Das sehe ich ein. Aber das Buch hat ja nicht bloß das Anliegen, differenzierter zu sein, sondern durch die Differenzierung auch zu einem positiveren Bild von der Welt zu kommen. Und hier gehe ich nicht mit. Im Vergleich zu vor 200 Jahren, wo vielleicht 80% der Menschheit so gelebt haben, ja, da sehe ich den Unterschied und finde ihn natürlich positiv. Aber heute? Im Vergleich zu anderen Menschen, die mehrfach im Jahr irgendwo hin fliegen? Alleine in einer eigenen Wohnung leben? Sich manchmal ein winziges Gläschen Bio-Nussmus für 6 Euro gönnen? Einen Kaschmirpullover für 100 Euro? Und das bin ich, ich bin noch nicht mal das, was man allgemeinhin reich nennt.
Womit wir bei Stufe 4 und meiner Kritik daran kämen. Stufe 4 sieht so aus: Mehr als 32 Dollar am Tag (also doppelt so viel wie in der letzten Stufe), über 12 Jahre Bildung genossen, es sich leisten können einmal im Monat essen zu gehen, und ein Auto haben. Ich frage mich: Wo sind die Leute, die deutlich wohlhabender sind, als in dieser Stufe beschrieben? Wieso nur 4 Stufen? Wieso nicht 8? Wenn man z.B. 8 hätte, würde man folgendes sehen: Ungleichheit, eklatante Ungleichheit.
Armut ist halbiert. Das ist die Aussage aus dem Quiz, mit mit der er sich am längsten aufhält. Es ist seine Lieblingsstatistik. In nahezu jedem besseren Gespräch über Kapitalismus wird sie mir genannt, und jedes Mal antworte ich mit: Ja, und Ungleichheit ist gestiegen. Eklatant gestiegen und wird es, laut allen Studien die ich kenne, weiter tun.
Über ein Jahr ist mein persönlicher Auftaktartikel zu Kapitalismuskritik her. In einer der vielen Versionen, die ich wieder verworfen habe weil NOCH länger, begegne ich eingangs der allgemeinen Auffassung, dass es aber alles irgendwie schon besser geworden ist und vor allem durch technischen Fortschritt noch besser werden wird. Grundlegend äußere ich mich dazu folgendermaßen: Erstens, ja, die Welt ist insgesamt eine bessere als vor 200 Jahren. Das ist aber 1. kein Grund, so weiterzumachen wie bisher. Und 2. reicht es nicht. Es ist natürlich etwas dreist, sich zu wünschen, dass Tiger nicht bedrohter sind, sondern gar nicht bedroht. Und zu gleichem Umfang an Schulbildung auch noch die gleiche Führungspositionen-Quote zu fordern. Diese unersättlichen Linken, ist euch weniger absolute Armut und eine Kanzlerin nicht genug? Nein, es ist nicht genug!
Während wie gesagt extreme Armut zurückgegangen ist, ist Ungleichheit unglaublich gestiegen, und wird es weiter tun. Unter anderem wegen des Klimawandels (den er anspricht, und der auch in einer der 12 Fragen vorkommt) und paradoxerweise auch wegen des technischen Fortschritts, wegen dem noch viele, viele Arbeitsplätze wegfallen werden. Detaillierter werde ich dazu in einem zweiten Text zu Kapitalismus eingehen und ihn hier verlinken. Ich finde es wie gesagt vollkommen inkzeptabel, dass während die einen Menschen ein Leben in Wohlstand führen, andere Menschen Hunger leiden. Die Diskrepanz ist Wahnsinn. Ich verstehe nicht, wieso nicht mehr Menschen sich fragen, wie das sein kann, wenn wir doch so wahnsinnig fortgeschritten sind auf dieser Welt, und Kapitalismus geil.
Warum finde ich diese Diskrepanz, warum finde ich Ungleichheit so ein Problem? Weil sie ungerecht ist. Hans Rosling braucht nur das erste Kapitel seines gefeierten Buches um mir zu versichern, dass es eben Menschen gibt, die mehr haben als andere, beziehungsweise weniger. Das sei eben so und werde auch immer so bleiben. Er erklärt tatsächlich, Leute versteiften sich zu sehr auf Ungerechtigkeit. Ich finde, sie wird überhaupt nicht genug gesehen. Alle Menschen werden in diese Welt hinein geboren und sind gleich an Wert und Würde. Wieso sollten sie so dermaßen unterschiedlich leben müssen? Krieg den Hütten, schöne Wohnungen für alle!
Quellen der Zahlen zu Geschlechterunterschieden
https://www.zeit.de/karriere/2013-06/portrait-susan-neiman
und Artensterben
https://www.wwf.de/themen-projekte/weitere-artenschutzthemen/rote-liste-gefaehrdeter-arten/

das perfekte buch für alle die ohne schlechtes gewissen weiter ihr leben leben wollen ;) schön mal wieder was von dir zu lesen