„Cox oder Der Lauf der Zeit“ von Christoph Ransmayer reiht sich ein in eine lange Reihe ekelhafter Bücher männlicher Autoren, die ich nach wenigen Seiten nicht mehr zu lesen bereit bin. Und ab heute möchte ich sie hier öffentlich als das festhalten was sie sind: Scheisse.
Ganz vorne dabei sind „The Marriage Plot“ von Jeffrey Eugenides und „Die Welt von gestern“ von Stefan Zweig. Soeben habe ich wie gesagt angewidert Cox fallen lassen, und fange deshalb jetzt damit an.
Oder sollte ich sagen: Leicht war die Übelkeit nicht, die die Autorin, ein liebreizendes Geschöpf von 29 Jahren, beschlich, als sie auf ihrem etwa sechseinhalb Fuß langen und vier Fuß breiten, mit geschmackvollen, in mattem taupe gehaltenen Möbelstücken ausgestatteten Altan in Süd-West-Lage der einst so prächtigen Hansestadt ruhte.
„Cox oder Der Lauf der Zeit“ ist vor allem eins: Geschwurbelte Sprache um ihrer Selbst willen, ohne einen einzigen neuen Gedanken zu vermitteln oder ein Gefühl auf eine neue Art zu beschreiben. Man muss sich durch Sätze kämpfen, die eine halbe Seite einnehmen, und durch Kitsch, der noch nicht mal lustig ist, weil alles so wahnsinnig ernst gemeint ist. Folgenden Absatz hab ich beim Blättern im hinteren Teil entdeckt: „Und plötzlich berührten seidige Hände seine Augenbrauen, so behutsam, als müssten erst ihre Linien nachgezeichnet und ihr Schwung geprüft werden, bevor diese Hände sich leiten ließen vom Schwung der Brauen und über seine Schläfen herabsanken und duftende Fingerkuppen über seine geschlossenen Lider strichen, so wie man über das Antlitz von Toten streicht, um ihnen die Augen zu schließen.“
Und bevor jetzt jemand ruft, „Ja, aber so hat man früher geredet! Und das Buch SPIELT ja früher!“ – ja, und dieses Buch wurde HEUTE geschrieben. Was soll dieser Blödsinn? Ist das eine Sehnsucht nach vergangenen Tagen, als alles noch schick, Männer noch Gentlemen, und Frauen noch Ladys waren, die seidige Hände und duftende Fingerkuppen hatten? Was soll überhaupt dieses pseudo-gut beobachtete Detail? Wessen FingerKUPPEN riechen gut?
Das Buch spielt vor vielleicht ein paar hundert Jahren im chinesischen Kaiserreich, und erzählt die Geschichte des unglücklichen Uhrmachers Cox, der an den kaiserlichen Hof gerufen wird, um Uhren zu machen. Kann er aber nicht, weil er unter dem Tod seiner kleinen Tochter leidet. Kann ich auch nicht mehr sehen, dieses Motiv. Immer muss irgendein Mann den Tod der Frau/Freundin/Tochter verarbeiten, und ist dann wahlweise zurückgezogen und depressiv (Cox) oder wütend und ehrenwert-rachsüchtig (Braveheart, Gladiator, Django).
Es findet kaum wörtliche Rede statt, sondern aufgeblähte Beschreibungen von unheimlich exotischen Szenen oder inneren Zuständen. Ich blättere durchs ganze Buch – kaum mehr als ein paar Sätze. Das hier ist kein Roman, sondern die Übung „Bericht schreiben“ aus der 6. Klasse, nur dass jemand dachte, dass es eine gute Idee ist, dabei auch noch Proust zu imitieren.
Schlimmer als das Buch sind vielleicht nur die hinten aufgedruckten Kritiken männlicher Rezensenten. „Erzählt in einer Pracht, in einer Souveränität, wie es sie kaum mehr gibt in der deutschsprachigen Literatur.“, schmachtet weinerlich Sebastian Hammelehle von LiteraturSPIEGEL bei einem guten Brandy des Importeurs seines Vertrauens.
„Ransmayr ist der Beethoven der deutschen Gegenwartsliteratur, der jede seiner Arbeiten mit unbeirrbarer Kraft in Richtung Vollendung vorantreibt.“ entlarvt sich Uwe Wittstock beim Focus. Denn – Beethoven also, okay, dann brauch ich mich ja nicht wundern. Aber was zur Hölle soll „in Richtung Vollendung“ sein? Ist es jetzt vollendet oder nicht?
„Augenblicke werden (…) durch die Macht der Sprache und des Erzählers zu Ewigkeiten, (…) und einzelne Teile zu einem Ganzen“ lobt Stefan Gmünder im Standard etwas, was ja nun wirklich nicht selbstverständlich ist.
Und etwas atemlos konstatiert Denis Scheck vom Medium Druckfrisch „Ein großer Wurf. Ich wage zu behaupten, ein Meisterwerk.“ Da habe ich dann allerdings doch noch herzlich gelacht.