Seit etwa zwei Jahren beobachte ich Vögel. Und schon lange will ich etwas Bemerkenswertes festhalten, was dabei passiert ist. Ich fange am besten mit den Meisen auf meinem Balkon an.
Auf meinen Balkon kommen seit ein paar Jahren jeden Tag drei Kohlmeisen und zwei Blaumeisen. Die dritte Kohlmeise ist hier im Hinterhof aus dem Ei geschlüpft, und wurde, als sie älter war, im Baum vor meinem Balkon von den Eltern großgezogen. Ich habe im Frühjahr 2019 über Wochen jeden Morgen ihre Bettelrufe gehört, und konnte oft beobachten, wie sie von zwei gestressten Eltern-Meisen gefüttert wurde. Die Meisen fressen bei mir, und baden auch ausgiebig. Ich schätze, jeden Tag wird 3-5 Mal gebadet. Das Verrückte: Lange hielt ich alle Meisen für die gleichen. Mein im Rückblick unglaublich komischer Einordnungsversuch war, dass die Blaumeisen Kohlmeisen-Weibchen sein könnten. Einer mir nicht näher bekannten Über-Meisenart. Für mich waren alles irgendwelche Meisen, und die kleineren eben weiblich.

Kohlmeise (links) und Blaumeise (rechts). © Herz für Tiere
Mein Freund, den ich mittlerweile auch komplett in den Vogelguck-Wahnsinn hineingezogen habe, löste das Rätsel eines Tages: Die kleineren Meisen sind Blaumeisen. Mittlerweile können wir über unser Nicht-Sehen nur noch den Kopf schütteln. Wir können es nicht fassen, dass wir mal Blau- und Kohlmeisen nicht auseinander halten konnten. Aber es gab diesen Zeitpunkt, daran erinnern wir uns zum Glück, und ich hoffe, wir vergessen ihn nie. Und dieser Zeitpunkt war, als wir nicht wussten, dass es diese Vögel gibt.
Eigentlich sind völlig eindeutig die Unterschiede zu sehen. Von heute aus gesehen, kann ich sie gar nicht mehr nicht sehen. Und an diesem Punkt komme ich zu dem, worüber ich eigentlich sprechen will. Ich weiß nicht, was der oder die Betracher*in sieht, der oder die noch nicht den Unterschied zwischen Kohl- und Blaumeisen entdeckt hat. Mit dem Wissen, was ich habe, sehe ich möglicherweise etwas anderes.
Seit diesem Erlebnis denke ich: Wenn man weiß, dann sieht man. Das ist eigentlich sehr kontraintuitiv. Wahrscheinlicher ist es doch andersherum: Ich sehe etwas, und dann weiß ich, dass es da ist. Meine Vogelbeobachtungs-Historie lehrt mich etwas ganz anderes: Ich sehe nichts, bis ich nicht weiß, dass es existiert.
Einmal angespitzt wollte ich mehr Vögel sehen. Also machte ich mich im Februar 2020 zum ersten Mal auf zum alten Niendorfer Friedhof. Ich hatte gelernt, dass Vögel Friedhöfe mögen, weil sie eine „lockere Struktur“ sind. Also kein riesiges offenes Feld, sondern unterbrochenes Gelände, unterschiedliche Höhen, und dazu noch viele schöne alte Bäume.
Ich wünschte mir, auf diesem Friedhof, mehr Meisenarten zu sehen. Denen fühlte ich mich immer noch am verbundensten, weil es eben die ersten Vögel waren, die ich richtig kennengelernt hatte. In meinem Vogelbuch sah ich: Bartmeisen, Haubenmeisen, Schwanzmeisen (die eigentlich gar keine Meisen sind, aber hey), Sumpfmeisen, Tannenmeisen. Alle sehr klein und niedlich, und die meisten auch ziemlich charakteristisch durch eben Bart, Haube oder Schwanz. Ich lief auf dem Friedhof herum und war vom ersten Augenblick an verzaubert. Ich entdeckte ein paar „normale“ Vögel und wurde mit Glücksgefühlen belohnt. Nach einer Stunde war ich durchgefroren, und wollte nur noch schnell ins nächste Café. Schnell lief ich den Weg zurück, ohne auf irgendetwas zu achten, fokussiert darauf, schnell vom Gelände runter zu kommen. Auf einmal hörte ich etwas. Ich verortete das Geräusch in einem Busch zwei Meter vor mir. Auf einmal flog ein kleiner Vogel heraus auf einen nahen Ast und als ich sah, dass er einen sehr langen Schwanz hatte blieb mir wirklich kurz der Atem weg. Eine Schwanzmeise!!! Oh mein Gott, es musste eine Schwanzmeise sein. Und wie unglaublich niedlich sie war. Ganz klein, weiß und hellrosa, winzige Knopfaugen, und ein absurd langer Schwanz für so ein kleines Tier. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Eine Schwanzmeise – hier! Was für ein Glück, was für ein unglaublicher Zufall, wo es doch kaum welche gab! Dachte ich.

Lebt neben dir: Schwanzmeise. © Zappelino.de
Etwa eine Woche später lief ich abends eine Runde um den Block bei mir. Ein Wohngebiet, in der Nähe ein kleiner Park. Auf einmal flatterte eine Schwanzmeise in meinen Spaziergang. Sie und eine zweite hüpften in einem Baum rum. Dann in den nächsten. Dann waren sie weg. Wieder Glücksgefühle, Begeisterung, Stolz! Was war ich doch für eine gute Vogelguckerin, dass ich HIER eine Schwanzmeise sah. Ich berichtete den Triumph sofort meinem Freund, und wir feierten diesen unglaublichen Glücksgriff. Wieder ein paar Tage drauf war ich in meiner Wohnung beschäftigt. Aus dem Augenwinkel nahm ich etwas war, was anders war, als das was ich sonst sah. Schnell wurde klar: Es waren ein paar Schwanzmeisen.
Und da dämmerte mir endlich, was Sache ist: Um mich herum lebten ganz viele Schwanzmeisen. Schon immer. Ich habe sie nur nicht gesehen. Weil ich nicht wusste, dass es sie gibt.
Ich weiß nicht wie es anderen geht, aber ich glaube ich habe früher (also vor zwei Jahren oder so) gedacht, es gibt Amseln, Meisen, Rotkehlchen und Spatzen. Und natürlich Enten. Und Greifvögel und so. Und irgendwo in Südamerika halt Papageien. Ende der Vogelwelt. Als ich Schwanzmeisen entdeckte, war ich anfangs völlig ungläubig und aufgeregt darüber, dass dieser Vogel hier lebt. Er ist so speziell, so besonders, wie kann er bloß ein normaler, hier lebender Vogel sein, wie eine Amsel?
Und wenn du jetzt denkst, ja, hm, gut, das ist ein spezieller Vogel, der auch hier lebt, man kann nicht alles wissen. Wie viele mehr von solchen speziellen Tieren, die angeblich um mich herumfliegen, die ich aber noch nie gesehen habe, kann es noch geben?
So einige. Genau das, was ich hier am Beispiel der Schwanzmeise beschrieben habe, ist mir im Sommer 2020 dann noch mit Gimpeln, und später im Herbst mit Mönchsgrasmücken passiert. Nachdem ich bei einem Ausflug mit meinem Freund auf dem Friedhof Ohlsdorf zum ersten Mal eine Mönchsgrasmücke gesehen hatte, tauchten sie kurze Zeit später direkt vor meinem Balkon auf, im Meisenbaum. Kurz darauf sah ich eine dritte auf einem Spaziergang. Und jedes Mal dachte ich: Das kann doch nicht sein, dass ich den vorher noch nie gesehen hab. Der muss doch jetzt neu hier sein. Nein, der war schon immer da, du wusstest das bloß nicht.
Ich denke, es ist bei dieser Erkenntnis so ähnlich wie mit Wörtern. Für viele Menschen war der Begriff „Micro aggressions“ eine Erleichterung und Augenöffnung. Aha, das hatten sie also erlebt. Ab da wussten sie, was es war, und konnten es im Gespräch ausmachen. (Dass ich persönlich denke, der alte Begriff „Sticheleien“ reicht vollkommen, ist ja egal.) Ich glaube nicht, dass es hier um eine Henne-Ei Frage handelt. Ich glaube, es gibt einen Grenzbereich, in dem ein wenig Sehen und ein wenig Wissen da sind. Es fängt an mit ein bisschen sehen, dann kommt ein bisschen mehr Wissen, bis es zum wirklichen Sehen überschwappt. Genauso muss ich die Meise irgendwann wirklich vorher gesehen haben, bevor ich sie wusste, und dann wirklich gesehen hab.
Im Frühjahr 2020 kamen also Schwanzmeisen in mein Repertoire, durch Wissen-Sehen-Wissen-Sehen-Wissen. Im Sommer kamen Gimpel und Mönchsgrasmücken hinzu. Und jetzt, im Coronawinter 2020/2021 sind es Wintergoldhähnchen. Wintergoldhähnchen, fragst du dich jetzt, was ist das denn für hyperspezieller komischer Vogel, der bestimmt nur alle 3 Jahre mal hier gesehen wird. Ich kann es dir sagen: Es ist ein unglaublich kleiner, niedlicher Vogel mit runden Äuglein und einem kleinen goldenen Kamm auf dem Scheitel, der ü-ber-all hier im Winter ist. Und auch wenn ich es ich jetzt doch besser weiß, denke ich immer noch wenn ich eins sehe: OH MEIN GOTT, besondere Weltlage, besonderer Winter, überall Wintergoldhähnchen! Es will mir immer noch nicht in den Kopf, oder nur mit Mühe, dass letzten oder vorletzten Winter auch Wintergoldhähnchen da gewesen sein müssen, nur eben von mir unbemerkt, weil ungekannt.

Saß heute im Baum über dir: Wintergoldhähnchen.© Wildvogelhilfe.org
Auf dem Rückweg vom Park heute begegnete ich welchen in der Weidenallee. Zuerst hörte ich sie. Auch das unglaublich – dass ich mittlerweile Vögel hören und daran unterscheiden kann. Das Wintergoldhähnchen klingt wie ein kleines quietschendes Türchen. So kann ich es mir gut merken: Das Wintergoldtürchen. Ich hörte sie so laut quietschen und sah sie dann im Baum über mir. Nachdem ich sie eine Weile beobachtet hatte war mir zu kalt und ich lief weiter. Ein paar hundert Meter weiter hörte ich wieder eins. Das kann doch nicht sein, dachte ich. Aber auf einmal bewegte es sich neben mir. Kaum einen Meter entfernt hüpfte das winzige Vögelchen in einer niedrigen Hecke herum, suchte Mini-Insekten und quietschte dabei. Es ließ sich kein bisschen von mir beirren, und auch nicht von den anderen Menschen, die vorbei kamen. Noch erstaunlicher aber als sein Unbeeindrucktsein war für mich das Nicht-Sehen der anderen Menschen. Neben ihnen machte sich deutlich durch Bewegung und Lautstärke ein Vogel bemerkbar, der keine Amsel ist, und sie schauten nicht mal hin. Irgendwann hielt ich es nicht aus, und quatschte zwei Frauen in meinem Alter an: „Wollen Sie den kleinsten Vogel Mitteleuropas sehen?“ Innerlich schloss ich die Augen: Wie seltsam kann man jemanden ansprechen; ich klinge ja, als wollte ich ihnen einen Staubsauer verkaufen… Die beiden wollten allerdings tatsächlich den kleinsten Vogel Mitteleuropas sehen und konnten sich sogar für ihn begeistern. Er turnte auf den oberen Zweigen herum und zeigte sich von seiner besten, niedlichsten Seite. „Wie heißt er nochmal?“ fragte die eine. „Wintergoldhähnchen.“ erklärte ich. „Ach, ein Hähnchen sogar.“ In dem Moment begriff ich, dass der goldene Strich auf dem Scheitel als Kamm interpretiert wird, und der Vogel deshalb „Hähnchen“ heißt. Das teilte ich auch den beiden Frauen mit. Ebenso erzählte ich ihnen mein Merkwort für den Ruf : „Er klingt halt wie ein quietschendes Türchen“. „Wie das kleinste quietschende Türchen.“ setze die eine hinzu. Das finde ich immer noch so lustig und schön, dass ich ermutigt bin, jetzt öfter Leute wegen eines Vogels anzuquatschen. Also haltet euch bereit, und macht euch gefasst auf haarsträubenden Erkenntniszugewinn.
