Globalisierungskritik: Kritik an der falschen Adresse

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Kapitalismus

Zum Start der Doku „True Cost“, in der es um die Hintergründe von Billigmode geht, habe ich Anfang des Jahres ein Interview mit dem Regisseur Andrew Morgan gelesen (http://www.faz.net/…/andrew-morgan-ueber-seinen-film-the-tr…). Und in diesem wird wieder einmal so klar, dass ein Bewusstsein dafür fehlt, was Kapitalismus bedeutet. Gerade bei denen, die die diesen Begriff überhaupt benutzen.

„… die Industrie hat alles dafür getan, um die aus ihrer Sicht perfekten Konsumenten aus uns zu machen. Das bedeutet, dass wir in unseren Überlegungen überhaupt keine Verbindung mehr zu irgendeiner der Konsequenzen herstellen, die mit der Herstellung von Mode verbunden sind.“

Das ist ja aber nicht „die Industrie“, die das „tut“. Das ist ein System, das ist ja das Problem. Und das ist zugegebenermaßen nicht so leicht vorstellbar, aber dadurch nicht weniger wahr.
Der „perfekte Konsument“ ist weder das Ergebnis von einzelnen noch von bösen Produzenten. Und das wichtigste: Das Problem sind auch nicht „perfekte“ Konsumenten, sondern überhaupt Konsumenten. Womit ich nicht meine, dass Menschen Dinge verbrauchen, sondern dass sie das in einem System tun, das nicht Bedürfnisbefriedigung von Menschen zum Ziel hat, sondern Konsum braucht, um existieren zu können.

Der Interviewer fragt Morgan nach dem von manchen Leuten verwendeten Argument, dass Arbeitsplätze im Billigmodensektor immer noch besser wären, als gar keine oder manch andere Broterwerbsmöglichkeiten.

In seiner Antwort darauf vermischt Morgan so viel.

Ja, es gebe das Argument „nach der Ausbeutung kommen Fortschritt und gesellschaftliche Entwicklung.“ Das sei „systematisch unwahr“. Denn: „man hat mittlerweile bewiesen, dass kontinuierliche Ausbeutung ein System von Armut manifestiert.“

Erstens: Dieses Argument bringt doch niemand. Ich habe noch nie jemanden, der für Kapitalismus argumentiert, sagen hören, dass es sich bei dem Leben vieler Menschen um Ausbeutung handelt. Ich finde es richtig, dass Morgan diesen Begriff benutzt, denn der trifft eben die Situation so vieler Menschen. Aber ich denke es wäre hilfreicher, wenn er darauf aufmerksam machen würde, dass genau dieser Begriff vermieden wird, wenn Leute für den „freien“ Markt argumentieren.

Zu seiner Begründung, warum dieses Argument unwahr sei. Kontinuierliche Ausbeutung manifestiert ein System von Armut? Was soll kontinuierliche Ausbeutung denn sonst bewirken, wenn nicht Armut?

„Globalisierung ist nicht prinzipiell schlecht. Aber eben nur dann nicht, wenn nicht eine kleine Gruppe von Menschen all die Gewinne an sich reißt, während der Rest der Welt in Armut leben muss.“

Wir leben doch nicht in „der Globalisierung“, in der, als ein Feature, eben blöderweise eine kleine Gruppe von Menschen sehr viel, und ein großer Teil der Menschen nichts besitzt. Wir leben im Kapitalismus, in dem eben genau das nicht ein Feature, sondern zwingend ist.

„Ich finde es spannend, wie viel Konfrontation und Konflikte man immer noch auslöst, wenn man bestimmte Aspekte unseres kapitalistischen Systems und des Massenkonsums in Frage stellt. Da scheint man wirklich einen Nerv zu treffen.“

Das ist erstmal ein wirklich bemerkenswerter Ausdruck, dass man damit „wirklich einen Nerv trifft“. Vielleicht denke ich an andere „bestimmte Aspekte“ als Morgan, und es geht ihm höchstwahrscheinlich auch einfach um Spielräume. Aber ich glaube, dass man bestimmte Aspekte des kapitalistischen Systems gar nicht für sich allein in Frage stellen kann.

Es gibt auch nicht „das kapitalistische System und den Massenkonsum“. Ich glaube, es gibt das kapitalistische System, das an diesem Punkt seiner Geschichte Massenkonsum braucht.

Ich teile Morgans Gedanken wenn er sagt „Was mir Sorge macht, ist unsere Denkweise, die so sehr darauf beruht, den Status quo zu verteidigen. Als seien wir an diesem Punkt der Menschheitsgeschichte am bestmöglichen Ende unserer Entwicklung angekommen. Das sind wir bestimmt nicht.“

Aber direkt im Anschluss sagt er: „Das System der Produktion von Billigmode ist unmenschlich. Warum können wir das nicht weiterentwickeln?“ Warum wir das nicht können? Weil hinter dem System der Produktion von Billigmode das System Kapitalismus steht.

Der Interviewer fragt: „Wer gerade in den Vereinigten Staaten das kapitalistische System kritisiert, macht sich ganz schnell umstürzlerischer Ideen verdächtig. Funktionieren diese alten Denkmuster überhaupt noch, oder müssen wir neue Kategorien erfinden?“

Morgan antwortet: „Ja, wir müssen neue Kategorien erfinden. Denn die Welt funktioniert nicht mehr so einfach, wie es einmal war. Das sieht man besonders gut in der Mode-Industrie. Ich glaube, es gibt einen Weg, die Kraft des Handels und der freien Märkte umzulenken, indem man den wahren Preis der Produkte realisiert. Wir machen es uns zu einfach und bleiben weit unter unseren Möglichkeiten, wenn wir weiterhin nur in den zwei Systemen von Kapitalismus und Sozialismus denken. Wir brauchen neue Labels und neue Ideen. Das funktioniert aber nur, wenn uns klar wird, dass unser System nicht mehr funktioniert.

Ich weiß gar nicht, wo ich da anfangen soll, meine Gedanken zu dieser Antwort zu sortieren. Ich glaube erstmal nicht, an “ die Kraft des Handels und der freien Märkte“. Dass man sie „umlenken“ kann, indem man „den wahren Preis der Produkte realisiert“ glaube ich auch nicht.

Das Problem ist nicht ein altes Denkmuster, in dem es bloß „Kapitalismus und Sozialismus“ gibt. Das Problem ist das mittlerweile ja weitverbreitete Denkmuster, dass es doch vielleicht einen abgeschwächten Kapitalismus geben könnte, so als Kompromiss. Ich denke, wir müssen überhaupt keine neuen Kategorien erfinden. Diese eine gute alte reicht: Kapitalismus.

Man könnte am Ende sagen, Morgan geht es um Spielräume, das ist die Diskussion, die er führen will, und nichts mehr. Und ja, ich denke auch, dass faire Löhne gezahlt werden sollen, und dass Atomkraftwerksbetreiber auch für die Kosten der Umwelt aufkommen müssen und und und. Aber ich glaube, dass das nicht reicht.

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